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Gastbeiträge
Martin Nagl

Ferdinand Marschall

Politisch Brisantes zwischen Waldzell und Warschau:
Österreichs EM-Finalschiri anno 1972- ein Gemeindesekretär


Lautstarke Auseinandersetzungen hat Ferdinand Marschall, 80, nicht nur als Gemeindesekretär von Waldzell (OÖ) erlebt. Auch im Fußball stand er oft zwischen den Fronten: Ganze 24 Jahre war er als Schiedsrichter in und um Österreich tätig.
Diesbezügliche Reisen führten ihn bis nach Tel Aviv, Sydney (WM-Quali für 1970: Australien gegen Israel) und Mexiko (WM 1970; Spiel: Pele´s Brasilien gegen Rumänien).

Damals wurde noch das 2-3-5-System gespielt, ruft sich Marschall im ballesterer-Gespräch manches Offensiv-Spektakel in Erinnerung. Es sei die Zeit ohne Ellbogen-Fouls gewesen; Disziplin hätte vor allem bei den Spielern aus den Oststaaten viel gegolten ("Die waren´s gewohnt.").

In eines dieser Recht und Ordnung lehrenden Länder führte ihn 1967 die EM-Quali für Italien 1968: Zu Jugoslawien - Spanien nach Belgrad. Außer dem Schiri und den spanischen Spielern durften keine Gäste ins Stadion. Auch das Spiel verlief vor 100.000 Einheimischen mehr oder weniger diszipliniert. Es endete mit 0:0.

Politisch Brisantes erlebte Marschall auch am Tag der österreichischen Nationalratswahlen von ´72: Der gebürtige Temesvarer war als Spielleiter der Begegnung Polen gegen Deutschland nominiert. Nur eine Ausnahme-Genehmigung vom Bezirkshauptmann machte es dem Gemeindesekretär möglich, seiner Pflicht nicht im Waldzeller Wahllokal, sondern im Warschauer Stadion nachzugehen. Dorthin waren außer ihm 100.000 Zuschauer gekommen. Allerdings keine Westdeutschen - die hatten keine Ausnahmegenehmigung erhalten; dafür solidarisierten sich spontan 20.000 DDR-Bürger vor Ort mit ihren deutschen Nachbarn. Die haben den 3:1-Sieg der Deutschen gefeiert, als ob sie selbst gewonnen hätten!

Live dabei war Marschall auch bei der dazumal mit Abstand größten Schlappe für den Weltmeister von 1954. Gespielt wurde in Tirana; das Match endete 0:0. Das hieß, dass Deutschland nicht für die EM-Endrunde von 1968 qualifiziert war. Sie trifft keine Schuld!, soll Helmut Schön beim Handshake zu Marschall gesagt haben.

1972 trafen sich die beiden wieder. Bei der Begegnung Deutschland - Russland, im EM-Finale von Brüssel. Diesmal sollten die Deutschen mehr Grund zum Jubeln haben: Sie gewannen 3:0 und - waren Europameister. Kuriose Szenen spielten sich auch rund um dieses Match ab: Marschall hatte zirka drei Minuten vor dem Ende Freistoß gegeben. Das Problem: Ein paar Dutzend deutsche Anhänger hielten das für den Schlusspfiff - und rannten aufs Feld. Dann aber trat Sepp Maier ("Vom Typ und von der Gestalt her ein Karl Valentin.") in Erscheinung. Der hat die Leute so geschimpft, bis die wieder auf ihren Plätzen waren, erinnert sich der Schiri. Drei Minuten später war wirklich Schluss - das Finale wurde (entgegen anders lautenden Gerüchten) ganz regulär abgepfiffen.

Ferdinand Marschall und seine ihm damals an den Linien assistierenden Kollegen Jegl und Linimayr sind übrigens bis heute die einzigen Österreicher in einem Fußball-EM-Finale.


Laufbahn:

Schiedsrichter von 1948 bis 1972 (insgesamt 800 Einsätze als Spielleiter);
mit zwei Unterbrechungen FIFA-Schiedsrichter von 1954 bis 1972;

14 Länderspiele,
23 Europacup-Spiele,
226 Spiele der 1. und 2. Division,
32 öFB-Cupspiele (davon drei Endspiele),
123 Einsätze als FIFA- und UEFA-Beobachter;
1981 bis 1996 Chef der österreichischen Schiedsrichter

Martin Nagl

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